ich bin viel unterwegs in diesen Tagen – was sonst ja gar nicht so meine Art ist. Ich bin eine begeisterte Stubenhockerin, mich zieht es nicht in ferne Länder, und eigentlich ist für mich schon die andere Straßenseite ein Ort jenseits meiner Komfortzone.
Deswegen habe ich auch genau den richtige Beruf. Als Schriftstellerin muss ich nichts erleben - und kann trotzdem darüber schreiben. In der Ich-Form auf Papier kann ich ungeniert ein Herrenhaus auf dem Land beziehen, eine Frauen-WG gründen, lesbisch, tollkühn, blutjung oder mathematisch begabt sein.
Warum nicht? Karl May war ja auch nie nie in Amerika.
Aber ich muss zugeben, dass ich selbst auf Papier das Fernreisen nicht schätze. Ich verharre am liebsten im Vertrauten, berichte über Gegenden, die ich kenne, die inneren wie die äußeren. Weiter als bis Mallorca sind meine Ich-Erzählerinnen bisher nicht gekommen, und meist sind sie im Norden Deutschlands oder in Nordrhein-Westfalen beheimatet, lieben Süßspeisen und Chipsletten und machen sich viele Gedanken über das Leben, das Lieben, das Älterwerden und Frisuren.
Aber in den letzten Wochen und Monaten hat mich eine ungewöhnlich große Erlebenslust gepackt. Ich denke, es hängt damit zusammen, dass meine Söhne flügge werden. Mein Mann ist von Haus aus geradezu unerfreulich selbstständig. Mein unangefochtener Lebenslieblingsort - unser Küchentisch, an dem sich seit achtzehn Jahren alle zu den Mahlzeiten versammelt haben - verwaist allmählich. Und wenn wir einmal zu viert abends beisammensitzen, dann muss einer der Jungs garantiert früher weg zu einer Party, der andere wartet auf einen Anruf, um mehrere Verabredungsoptionen zu koordinieren. Übrig bleiben zu unchristlich früher Abendzeit die friedlich verschrumpelnden Eheleute mit einem neu zu füllenden Lebensraum, der bis dato durch Kinderbetreuung, Elternabende, Vorsingen, Vorlesen und - sehr lange her - Kinderhändchenhalten belegt war.
Lange graute mir vor dieser Zeit des Abschiednehmens, wenn meine Söhne an den Wochenenden nach mir ins Bett gehen, meine Hand nicht mehr brauchen, um einzuschlafen.
Doch jetzt weicht die Angst vor dem leeren Nest allmählich einer großen Lust auf Neues, auf zu füllenden Platz, auf Experimente. Eine Veränderungsenergie entsteht, die ich bisher kaum von mir kannte. Es zwingt mich ja niemand, in dem leeren Nest hocken zu bleiben!
Also habe ich beschlossen, ebenfalls flügge zu werden. Das nächste Kapitel meines Lebens, so wie auch mein nächster Roman, wird voller Selbsterlebtem und nie gewagter Herausforderungen stecken! Immer natürlich gemessen an der vergleichsweise bescheidenen Abenteuerlust eines ängstlichen und gemütlich strukturiertem Charakters wie meinem.
Oh, ich habe Großes vor!
Und ich habe bereits Großes hinter mir.
Ich schreibe diesen Brief in Reihe 18, Gangplatz links auf dem Flug nach Fuerteventur zum „Womans Health Camp“. Dort warten mehrere gut gelaunte und muskulöse Trainerinnen auf mich und 110 weitere Frauen, um uns durch ein anspruchsvolles Sport- und Mentalprogramm zu begleiten. In den Rundbriefen wurden wir mit „Hey Girls!“ angesprochen und daran erinnert, verschiedene Paar Turnschuhe, einen eigenen Shaker (was ist das?) mitzubringen und den Camp-Tanz vorher einzuüben.
Dazu bin ich aber blöderweise noch nicht gekommen. Ich bin nämlich erst vor zwei Tagen von meiner letzten Abenteuerreise zurückgekehrt. Die hatte mich nach Nordhessen in eine einsam gelegene Waldvilla geführt, genannt „Das Hilla“. Drei Tage habe ich dort mit neun mir völlig fremden Menschen - die mir, um vorwegzugreifen, in dieser kurzen Zeit ans Herz gewachsen sind - ein Schreibseminar besucht. Angeleitet und wunderbar begleitet von dem Autor Daniel Schreiber. Ich bin Daniel ein paar Mal in meinem Leben kurz begegnet - und meine Zuneigung zu ihm war spontan sehr groß und gesellte sich zu meiner ebenso großen Bewunderung für seine Bücher.
Es fiel mir nicht ganz leicht, in der Vorstellungsrunde zu erklären, warum ich mich als bereits etablierte Schriftstellerin auf ein Schreibseminar begeben hatte. Ich habe auf Inspiration und Selbsterkenntnisse gehofft, auf bereichernde Begegnungen mit mir und anderen. Ich habe mir entweder ein neues, vielleicht sogar erstes Kapitel für meinen Roman versprochen oder aber eine Schreiberfahrung, die mich an früher erinnern würde, als ich rauschhaft Texte schrieb, die keine Zielgruppe und keinen Erscheinungstermin hatten, intime Tagebucheinträge, nie versendete Liebesbriefe, befreiende Papier-Gedankenströme, bei denen ich stets dachte: Hoffentlich liest das niemand!
Nachdem wir uns vorgestellt hatten, wurden Ideen entwickelt und bereits vorher verfasste Texte vorgelesen. Ich hatte eine Ode an das Schreiben als Erlösung vorgelesen, durchsetzt mit alten Tagbucheinträgen, die ich geschrieben hatte, während ich meine Mutter bei ihrem Sterben begleitet hatte. Die Vorschläge, die Daniel mir machte, lauteten: „Schreibe einen Text über deine Mutter oder schreibe einen Tagebucheintrag oder stelle dir die Frage, was das Schreiben nicht leisten kann.“
Die letzte Aufgabe fand ich seltsam, sogar ein bisschen ärgerlich. „Du idealisierst das Schreiben“, hatte Daniel gesagt. „Schreiben ist keine Erlösung.“ Und ich fand, dass er damit nicht Recht hatte, weil das Schreiben, na ja, doch einfach ideal ist!
Mit einer Mischung aus Trotz und Tatendrang fuhr ich zum nächsten Schreibwarengeschäft und kaufte Butterbrotpapier, Buntstifte und einen Pelikan-Füller.
Schreiben wie früher! Mit Tinte und ohne Linien, mit krakeligen Zeichnungen am Rand, Unterstreichungen und Durchstreichungen, auf knisterndem Papier, mal in Schreibschrift, mal in Druckbuchstaben. Kein Korrektorat, kein Lektorat. Schreiben nur für mich.
Ich schrieb und klekste, malte und kritzelte am Küchentisch unserer Waldvilla - ich brauchte Platz für mein Papier, dessen Knistern mich an die Brote mit Spiegelei erinnerten, die meine Mutter mir früher an Schulwandertagen zubereitete. Ich schrieb über Mama und Papa, als ich sie noch „Mama und Papa“ nannte und nicht „meine Eltern“. Ich schrieb über meinen Namen, Ildikó, in den ich erst mühsam hineinwachsen musste, über meine Ängste, meinen Auszug von zu Hause, der mich das Füchten lehrte. Ich berichtete dem wohlwollend lauschenden Butterbrotpapier über die Dominanz meines Vaters und über meine Mutter, die ihr Leben in der zweiten Reihe fristete und von dort aus viel mehr Einfluss auf mich ausübte, als mir lange Zeit bewusst gewesen war.
Ich schrieb nie Gesagtes, ich lächelte, ich wütete, ich weinte und grübelte, nahm meine Kopfhörer und hörte die düsteren und taurigen Lieder meiner Jugend, die ich so lange gemieden hatte: „The Raven“ von The Alan Parsons Project, „Sad Lisa“ von Cat Stevens und „Papa can you hear me?” von Barbra Streisand.
Am nächsten Tag - viele aus dem Seminar hatten die halbe Nacht an ihren Texten gearbeitet, andere waren um fünf Uhr aufgestanden, um ihre Arbeit zu beenden - präsentierten wir unsere Ergebnisse. Nach sechs Stunden hochkonzentriertem Zuhören, Kommentieren, Diskutieren war ich schließlich erschöpft und beseelt.
Ich hatte tatsächlich widerwillig herausgefunden, was das Schreiben mir nicht geben kann. In den Texten der anderen hatte ich aber genau das gehört, was Schreiben eben doch auch sein kann: Vielleicht keine Erlösung, aber ein Prozess des Wachstums, des Wandels und des Durchdringens undurchdringlich scheinender Gedankendickichte.
Ich war geradezu benommen von der Wucht und Schönheit der Geschichten und zutiefst berührt davon, welche Wege wir beschritten hatten, vorsichtig, klug und wohlwollend begleitet und ermutigt von Daniel.
„Die Welt wird besser, wenn du dich ihr zumutest“, hörte ich ihn zu einer Frau sagen. Und wie Recht er hat! Eine Teilehmerin, Susan Barth, merkt Euch ihren Namen, sie arbeitet an einem Buch, hatte über den „Zauber des Menschseins“ geschrieben. Ich hoffe, ich klinge jetzt nicht zu pathetisch, aber eigentlich ist mir das auch egal: Genau diesen Zauber haben wir dort gemeinsam erfahren.
Den Zauber des Menschseins.
Es ergab sich, dass ich die Letzte war, die ihren Text präsentierte. Ich legte den knisternden, dicht beschriebenen Stapel Papier auf meinen Schoß und erzählte der Gruppe von den Phasen, die ich beim Schreiben durchlaufen hatte. Und dann zerriss ich ein Blatt nach dem anderen.
Im Seminarraum stand ein Ofen mit glühenden Holzscheiten. Ich streute die Papierschnipsel vorsichtig in die Flammen und schaute zu, wie sie verbrannten.
Es war eine Befreiung! Ich hatte tatsächlich nach Jahren und Jahrzehnten wieder einen Text nur für mich geschrieben. Eine Zwiesprache mit meiner Mutter, nur sie und ich. Anklagen gegen meinen Vater, nur er und ich. Vorwürfe an mich, Trost und Verständnis - und Verzeihen auch, vielleicht. Nur ich und ich.
Ein Text, den nie jemand lesen würde.
Und jetzt, liebe Brieffreundinnen, sitze ich in Reihe sieben, Gangplatz rechts und bin auf dem Rückflug. Eine Woche Sonne, Sport und Meer liegen hinter mir und viele, viele Erfahrungen, Inspirationen und Begegnungen.
Und da war er wieder: Der Zauber des Menschseins!
Ich hatte mich auf das ungeheuerliche Wagnis eingelassen, ein Doppelzimmer zu buchen, ohne zu wissen, mit wem ich es teilen würde. „Bist du bescheuert?“, hatten meine Freundinnen zu Hause entsetzt gefragt. „Das kann dir den ganzen Urlaub verderben.“
Egal. Ich wollte tollkühn meine Komfortzone verlassen. Insgeheim hoffte ich auf eine bösartige, schnarchende Frau mit brettharten Bauchmuskeln und vielen unangenehmen Angewohnheiten wie nächtliches Pupsen oder ein nicht enden wollendes Redebedürfnis, ohne etwas Nennenswertes zu sagen zu haben.
Aber ich traf Petra.
Und Petra ist die menschgewordene Komfortzone.
Ich sah sie und fühlte mich auf der Stelle wohl und geborgen. Und selbst jetzt, wo ich über sie schreibe, muss ich ganz beseelt lächeln. Wir haben uns erst vor wenigen Stunden verabschiedet, schweren Herzens und dankbar für die Zeit, die wir miteinander verbracht haben: Kichernd wie die Teenager, lästernd wie hakennasige Hexen, spät abends von Schicksalen erzählend wie die reifen, nachdenklichen Frauen, die wir geworden sind.
Petra und ich, wir lieben sogar dieselben Schlafanzüge! Eine unaussprechliche Marke namens „Dagsmejan“, für die ich hier nun, auch im Namen von Petra, unentgeltlich und voller Überzeugung Werbung mache.
Dieser Brief ist verdamt lang geworden, zwei Flüge lang, und nur der einsetzende Sinkflug hält mich davon ab, Euch noch mehr von Petra vorzuschwärmen, vom Eisbaden zu berichten, dem Latin Dance Kurs und dem empörenden Vorfall bei der Ernährungsberatung, wegen dem ich fast den Raum verlassen hätte.
Aber wer weiß, vielleicht findet all das Eingang in meinen nächsten Roman oder in meinen nächsten Newsletter. Denn das Schreiben hat eben doch etwas Wunderbares. Es verbindet uns, es schafft ein Gemeinschaftsgefühl, es beschert uns immer und immer wieder eine Ahnung vom Zauber des Menschseins.
Ich grüße Euch von Herzen und, wenn Du das liest, natürlich auch Dich, meine liebe Petra! Für Dich ist immer ein Zimmer in meinem Herzen frei.
Ein Doppelzimmer! 😊
Auf bald, alles Liebe 💝
Deine und Eure
Ildikó
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